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VDI-Nachrichten, 16.Juli 2004, Nr. 29
Wandert die deutsche Industrie nach Osteuropa ab? Gehen in den kommenden Jahren weitere Jobs verloren? Von wegen! Dieter Heuskel von Boston Consulting ist optimistisch. Der promovierte Volkswirt sieht Deutschland auf gutem Wege, wenn es die Chancen der internationalen Arbeitsteilung konsequent nutzt.
VDI nachrichten: Herr Dr. Heuskel, alle reden über längere Arbeitszeiten. Wie sieht Ihr Wochenpensum aus?
Heuskel: Wenn ich die Reisezeiten außen vor lasse, komme ich auf gut 70 Stunden. Meine Mitarbeiter arbeiten tendenziell genau so lange.
VDI nachrichten: Sind längere Arbeitszeiten der Königsweg zu mehr Beschäftigung?
Heuskel: Nein, wir gleichen nicht unsere Lohnkostennachteile gegenüber China aus, wenn wir ein paar Stunden mehr arbeiten. Andererseits ist es ein Signal, nämlich für mehr Flexibilität. Es zeigt, dass wir bereit sind, uns auf eine veränderte Wettbewerbssituation einzustellen, die je nach Unternehmen und Branche eben auch Mehrarbeit ohne Lohnausgleich erfordern kann - also selbst etwas dafür zu tun, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden und unseren Wohlstand zu steigern. Die Rettung kommt nicht von außen oder von anderen.
VDI nachrichten: Aber bringen ein paar Stunden mehr überhaupt etwas? Auch die Schweizer Unternehmer zieht es massenhaft nach Osteuropa und nach Asien, obwohl dort länger gearbeitet wird als bei uns.
Heuskel: Natürlich bringt das etwas. Bei den Hochleistungsteilen der Wertschöpfung stehen wir auch mit anderen Hochlohnländern im Wettbewerb. Wenn wir länger arbeiten, verbessern wir unsere Position gegenüber Frankreich, den USA oder Japan. Die sind der Maßstab, nicht Polen oder Thailand.
VDI nachrichten: Nach Ihrer Studie "Capturing Global Advantage" steht die Globalisierung erst am Anfang. Deutsche Industrieunternehmen beziehen bisher nur 6 % aller Güter und Vorprodukte aus Niedriglohnländern. Wird sich die schleichende Deindustrialisierung in den kommenden Jahren beschleunigen?
Heuskel: Es wird immer mehr deutsche Firmen geben, die in Niedriglohnländern einkaufen oder selbst fertigen lassen und diese Produkte dann hier zu intelligenten Lösungen veredeln. Ein Unternehmen wie Würth ist damit äußerst erfolgreich. Es geht um die Existenz der Unternehmen. Wer nicht global einkauft und produziert, wird über kurz oder lang ausscheiden.
VDI nachrichten: Es geht aber nicht nur um die Existenz von Unternehmen, sondern auch um die von Menschen. Gehen damit nicht Millionen von Arbeitsplätzen bei uns verloren?
Heuskel: Nein, das ist ein großes Missverständnis. Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel. In Asien, in Osteuropa entstehen gigantische Märkte. An denen können wir partizipieren. Durch intelligente Arbeitsteilung steigen die Weltmarktanteile deutscher Unternehmen. Unter dem Strich werden Arbeitsplätze geschaffen und nicht abgebaut. Dafür gibt es genügend Beispiele. Ich habe Würth ja schon genannt. Denken Sie auch an Firmen wie Adidas oder Puma, die überhaupt nicht mehr hier fertigen. Trotzdem sind heute in Herzogenaurach mehr Menschen beschäftigt als vor zehn Jahren.
VDI nachrichten: Wie sehen deutsche Industrieunternehmen 2010 aus? Grundlagenforschung in den USA, Marketing/Vertrieb in Deutschland, IT in Polen, Produktion in China? Ist das das Erfolgsrezept?
Heuskel: Ja, das kann das Modell sein. Neue Informationstechnologien verringern die Transaktionskosten so dramatisch, dass wir viel arbeitsteiliger fertigen können, ohne Qualitätsrisiken einzugehen. Die Firmen werden ihre Wertschöpfung auf ganz unterschiedliche Regionen verteilen ...
VDI nachrichten: Die Leistungen werden dorthin verlegt, wo sie am besten oder günstigsten erbracht werden können?
Heuskel: Das ist der Trend. Nur so bleiben die Unternehmen im Spiel.
VDI nachrichten: In welchen Branchen hat Deutschland denn eine Chance, in diesem Spiel vorne mitzumischen?
Heuskel: Wir haben uns in Deutschland lange nicht bewusst gemacht, wie schnell die Unternehmenskonzentration in den großen Industriebranchen voranschreitet. In der Pharmaindustrie etwa haben wir in den vergangenen zehn Jahren unsere gute Weltmarktposition eingebüßt. Genau umgekehrt lief es in der Automobilindustrie, die nach einer schwierigen Phase jetzt wieder ganz vorne steht.
VDI nachrichten: Was lernen wir daraus?
Heuskel: Zwei Dinge: Zum einen ist es nie zu spät zurückzukommen. Bei Automobil wurden wir Anfang der 90er totgesagt. Heute sind wir quicklebendig. Zum anderen dürfen wir nicht länger übersehen, dass die Märkte über Mergers & Acquisitions konsolidieren. In der Pharmaindustrie haben wir uns zu sehr auf unsere technologische Überlegenheit verlassen. Oft reicht es aber nicht, über Innovationen zu wachsen. Man muss auch den Mut haben, zu akquirieren oder sich zusammenzuschließen. Sonst kaufen sich andere die Marktanteile. VDI nachrichten: Also Big is beautiful, wir brauchen mehr nationale Champions?
Heuskel: Ja, wir brauchen in den verschiedenen Industrien nationale Champions, die in der Weltliga mitspielen. Im Energiebereich ist es sehr gut gelaufen, mit RWE und E.on. In der Chemie sind wir ebenfalls ordentlich aufgestellt, dank großer Spezialisierung. In der Telekommunikation haben wir mit der Telekom eine phänomenale unternehmerische Erfolgsgeschichte. Das ist eines der leistungsfähigsten Telekom-Unternehmen überhaupt, das weltweit akquiriert. Bei Banken und Versicherungen gibt es hingegen großen Handlungsbedarf.
VDI nachrichten: Warum tun wir uns in manchen Branchen so schwer mit der Konsolidierung?
Heuskel: Das Management darf nicht notwendige Zusammenschlüsse hinauszögern, aus Angst, den eigenen Posten zu gefährden. Manche müssen auch über den eigenen Schatten springen. Die Konkurrenten von gestern können die Partner von morgen sein. Veba und Viag waren nicht immer die besten Freunde - und haben sich doch zusammengetan. Oder denken Sie an den Stahlmarkt. Da standen sich Thyssen und Krupp gegenüber und kamen 20 Jahre nicht zusammen, obwohl der Zusammenschluss längst überfällig war.
VDI nachrichten: Reicht es denn überhaupt, wenn sich die Unternehmen Partner vor der Haustür suchen? Brauchen wir nicht Global Player?
Heuskel: Am Ende kommt es zu einer globalen Konsolidierung, das ist keine Frage. Um dabei mitzuspielen, braucht man aber eine bestimmte Größe. Das Beispiel Pharma zeigt, wie wichtig es ist, dass deutsche Unternehmen diese Konsolidierung führend vorantreiben. Hoechst war eine deutsche Firma, wurde als Aventis ein deutsch-französischer Konzern und ist heute unter dem Dach von Sanofi ein französisches Unternehmen ...
VDI nachrichten: ... mit welchen Folgen?
Heuskel: Studien zeigen, dass Unternehmen, die selbst aktiv konsolidieren, ihre Marktstellung verbessern. Führungsstruktur und Führungskultur werden von dem Land bestimmt, in dem die Zentrale sitzt. Vor allem dort werden auch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Deshalb sollten wir darauf achten, dass wir möglichst viele große Player in Deutschland halten.
VDI nachrichten: Behindert uns dabei nicht der schwache Kapitalmarkt? Die Nachfrage nach Aktien und Unternehmensanteilen ist doch viel geringer als in angelsächsischen Ländern.
Heuskel: Das ist einer der gravierendsten Nachteile Kontinentaleuropas und insbesondere auch Deutschlands. Wir haben zwar in den neunziger Jahren einiges nachgeholt, dennoch ist die Nachfrage nach Aktien immer noch vergleichsweise gering. Deshalb sind deutsche Unternehmen an der Börse auch in der Regel schlechter bewertet als vergleichbare amerikanische ...
VDI nachrichten: ... was Übernahmen erschwert, weil eigene Aktien gerne als Akquisitionswährung eingesetzt werden.
Heuskel: So ist es. Unser schwacher Kapitalmarkt ist ein Wettbewerbsnachteil.
VDI nachrichten: Was tun?
Heuskel: Wir sind auf einem guten Weg. Wie in den USA oder Großbritannien werden auch bei uns Teile der Alterssicherung dem einzelnen Bürger übertragen. Dessen Gelder speisen Kapitalsammelstellen, wie Pensionsfonds, die sich auf dem Aktienmarkt engagieren.
VDI nachrichten: Die Privatisierung der Rentenversicherung spielt also den Interessen der Wirtschaft in die Hände?
Heuskel: Die Rentenversicherung wird sicher nicht umgebaut, damit der Kapitalmarkt wächst. Die Reform ist überfällig, weil das Umlagesystem auf Dauer wegen der demographischen Entwicklung nicht mehr funktioniert. Aber dieser Umbau nutzt auch unserer Volkswirtschaft. Er stärkt den Kapitalmarkt. Wir werden aber noch mindestens zehn Jahre brauchen, um auf diesem Sektor Großbritannien und den USA näher zu kommen.
VDI nachrichten: Und wie lange dauert es, bis die Wirtschaft wieder kräftig wächst, neue Jobs entstehen, der Wohlstand steigt? Oder erwarten Sie einen schleichenden Niedergang?
Heuskel: Nein, ich bin optimistisch. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich eine Menge bewegt, sowohl in der Unternehmenslandschaft als auch in der Politik. Wenn es eine Aktie der Deutschland AG gäbe, ich würde sie sofort kaufen. In drei bis fünf Jahren kann Deutschland wieder ganz vorne stehen. Das Ausland testiert uns längst, dass wir in Kontinentaleuropa der Schrittmacher bei den Reformen sind. Wir haben die Fachkräfte, wir haben die Ausbildung, die Forschung, die Infrastruktur. Alles ist da. Wir sollten aufhören zu jammern und uns selbst schlecht zu reden.
P. SCHWARZ
Dieter Heuskel Zur Person:
Dieter Heuskel studierte VWL in Bonn. Nach seinem Studium verbrachte er drei Jahre in Westafrika als Leiter von Industrie- und Entwicklungsprojekten. 1980 wechselte der promovierte Volkswirt zur Boston Consulting Group. Drei Jahre lang, von 1995 bis 1997, leitete er die weltweite Strategie-Praxisgruppe, seit 1998 steht er dem Management-Team Deutschland vor. Im selben Jahr wurde er Mitglied des höchsten internationalen Gremiums der BCG, des Executive Committee.ps
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