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Lohnkostenvorteile im Reich der Mitte locken
zunehmend deutsche Investoren

von Dirk Panhans

Gemäß einer Studie der WissenschaftlichenPanhans02 Hochschule für Unternehmensführung sind niedrige Lohnkosten zwar nicht der primäre Treiber wirtschaftlichen Engagements in China, aber dennoch ein sehr wichtiger. Denn schließlich weist China entgegen aller anderweitigen Mythen erhebliche Lohnkostenvorteil auf. Chinas Pro-Kopf-Einkommen liegt nicht nur weit unter dem Deutschlands und anderer westlicher Industrieländer, sondern auch unter dem anderer Investitionsstandorte deutscher Unternehmen in Osteuropa und Lateinamerika. Zudem hat China innerhalb der Niedriglohnländer aufgrund seiner Bevölkerungsgröße und der damit einhergehenden Arbeiterzahl ein hohes Gewicht.

Aber die makroökonomische Größe des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens allein sagt natürlich noch nicht viel über die Lohnkosten aus, die deutsche Unternehmen tatsächlich in China zahlen. Im Folgenden werden wir detailliert untersuchen, inwiefern folgende acht Argumente stichhaltig sind:

1)Industriearbeiter verdienen mehr als der Bevölkerungsschnitt.

2)Lohnsteigerungen reduzieren den Lohnkostenvorteil Chinas zunehmend

3)Löhne der Küstenregion weichen erheblich vom Landesdurchschnitt ab

4)Ausländische Unternehmen zahlen ein Premium

5)Spezialisten bestimmter Berufsgruppen sind auch in China teuer

6)Versteckte Lohnnebenkosten fallen in China ins Gewicht

7)Höhere Sachkosten in China könnten den Vorteil an Personalkosten senken

8)Geringere Produktivitäten reduzieren den Lohnkostenvorteil

1)Die Lohnkosten von Industriearbeitern (inkl. aller Lohnnebenkosten) sind in China zwar bereits höher als in Mexiko oder Russland. Allerdings ändert diese Betrachtung wenig an der Grundaussage, dass chinesische Industriearbeiter mit durchschnittlich 2 Euro pro Stunde deutlich preiswerter sind als ihre deutschen Kollegen, die mit durchschnittlich 31,4 Euro mehr als das 15-Fache kosten. Selbst Industriearbeiter neuer EU-Mitgliedsstaaten Osteuropas wie Ungarn oder Tschechien kosten ungefähr doppelt so viel wie in China. Damit kann China zu Recht als Niedriglohnland bezeichnet werden.

2)Lohnsteigerungen fallen in China tatsächlich hoch aus, für Industriearbeiter werden in China allein für das Jahr 2005 Lohnkostensteigerungen von 15 % prognostiziert. Jedoch weisen andere Niedriglohnländer wie Russland, Indien, Tschechien und Ungarn ähnliche relative Steigerungen auf. Zudem sind dies hohe relative Steigerungen auf niedrigem Niveau, die absoluten Kostenvorteile Chinas steigen sogar noch. Von 2003 bis 2005 erhöhten sich die Lohnkosten für Industriearbeiter in China nur um 0,4 Euro pro Stunde, wohingegen die Steigerung in Deutschland bei 4,1 Euro pro Stunde lag. Und dies ist keine Besonderheit der letzten zwei Jahre. Der absolute Kostenvorteil Chinas ist im gesamten Zeitraum seit 1991 kontinuierlich gestiegen.

3)Natürlich fallen die Löhne der Küstenregionen höher aus als im Landesschnitt. In Schanghai liegen die Durchschnittslöhne 95 % über dem Landesschnitt, in Peking 80 %, in Zhejiang 52 %, in Guangdong 42 % und in Tianjin immerhin noch 33 %. Damit steigen die Lohnkosten eines Industriearbeiters in Schanghai rechnerisch bereits auf 3,9 Euro pro Stunde. Dies ist vor allem dadurch getrieben, dass westliche Firmen die Küstenregionen aus Gründen der Logistik und der Infrastruktur bevorzugen. Einige der interviewten Unternehmen sind zwar dabei, auch das Landesinnere als Produktionsstandort zu erschließen, um von diesem Lohngefälle zu profitieren. Jedoch ist dabei ein genaues Abwägen der Lohndifferenz gegen zusätzliche Transportkosten, schlechtere Infrastruktur und geringere Clustereffekte erforderlich.

4)Zudem zahlen ausländische Unternehmen überdurchschnittlich hohe Lohnkosten. In Peking macht dieser Unterschied rein statistisch 76 % aus. Wahrscheinlich zahlen japanische Unternehmen aufgrund kultureller Differenzen ein etwas höheres Premium und koreanische vielleicht ein etwas niedrigeres. Aber von der Größenordnung her dürfte das Premium von 76 % auch für deutsche Tochtergesellschaften zutreffen. Gemäß unserer Interviewpartner ist das Premium vor allem ein Versuch, gut ausgebildete Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Denn sowohl chinesische als auch internationale Wettbewerber werben gern Mitarbeiter deutscher Tochtergesellschaften ab. Dabei geht es oft gar nicht primär um das Erlangen proprietären Know-Hows, sondern vielmehr um die gute Ausbildung, die Mitarbeiter deutscher Tochtergesellschaften genießen. Entsprechend ist Personalmanagement der wichtigste Erfolgsfaktor für Unternehmen in China, wie unsere Studie ergab. Die Nachfrage nach ausgebildeten Arbeitskräften ist in der Vergangenheit meist schneller gestiegen, als Universitäten, Hoch- und Fachschulen Nachwuchs anbieten konnten. Damit sind Unternehmen gezwungen, für qualifizierte Mitarbeiter jährlich höhere Gehälter zu zahlen. Berücksichtigen wir dieses Kostenpremium, so zahlen deutsche Unternehmen in Schanghai bereits 6,9 Euro pro Stunde für einen Industriearbeiter (siehe Abbildung 17). Zwar entspricht dies immer noch nur einem Fünftel der Kosten in Deutschland. Aber wenn ein Unternehmen im Vornherein mit 2,0 oder gar 1,0 Euro pro Stunde kalkuliert hat, dann ist der Plan schon deutlich verfehlt.

5)Spezialisten bestimmter Berufsgruppen sind auch in China teuer. Abbildung 18 zeigt, dass der Lohnvorteil Chinas für höherwertige Qualifikationen geringer ausfällt. Liegen die Vorteile chinesischer Lohnkosten bei Industriearbeitern relativ zu Deutschland noch bei 94 %, so schrumpft dieser Vorteil für Ingeniere schon auf 79 % und für Manager gar auf die Hälfte. Vermutlich fallen der Küsteneffekt und der Premiumeffekt ausländischer Arbeitgeber für diese Berufsgruppen nicht ganz so stark ins Gewicht wie weiter oben erwähnt, da die Durchschnittslöhne dieser Berufsgruppen bereits stark von diesen beiden Effekten beeinflusst sind. Aber für deutsche Unternehmen schwindet der chinesische Kostenvorteil besonders für Spezialisten dahin. In vielen Interviews erzählten uns Manager, dass sie, um ihre chinesischen Top-Mitarbeiter halten zu können, deren Gehälter jährlich um 10 bis 15 % erhöhen müssten – einfach nur, um auf dem umkämpften Arbeitskräftemarkt mithalten zu können. Ein Interviewpartner in der Elektronikbranche sagte uns, dass die Gesamtlohnkosten eines IT-Spezialisten oder Controllers in den Küstenstädten bei vergleichbarer Qualifikation bereits die Hälfte des westlichen Niveaus erreicht haben. Zwar sind die Gehaltserhöhungen in den letzten Jahren etwas bescheidener geworden, dennoch steigen die Gehälter jährlich noch immer um durchschnittlich 6 bis 8 %, und für Mitarbeiter mit speziellen Fähigkeiten oder sogar Auslandserfahrung noch deutlicher. Auch die Absolventen der renommierten CEIBS in Schanghai berichten von jährlichen Steigerungen ihrer Anfanggehälter von 10 bis 15 %, ein weiteres Indiz dafür, wie hart gute Mitarbeiter auf dem chinesischen Arbeitsmarkt umkämpft sind.

6)Auch versteckte Lohnnebenkosten in China werden von einigen deutschen Unternehmen in China bei ihrer Planung nicht ausreichend berücksichtigt. Die Kosten, die einem Unternehmen durch einen Arbeiter entstehen, können doppelt so hoch wie dessen monatliche Vergütung sein. Diesen Effekt haben wir in unseren bisherigen Analysen natürlich bereits berücksichtigt, da wir stets von Lohnkosten inklusive aller Lohnnebenkosten ausgegangen sind.

7)Höhere Sachkosten in China wurden in einigen unserer Interviews als Grund aufgeführt, weshalb sich Vorteile der Personalkostenseite nicht eins zu eins in den Gesamtkosten niederschlagen. Bisher haben wir nur Personalkosten betrachtet, aber wie sieht es mit der Vorteilhaftigkeit des chinesischen Standorts bei Sachkosten aus? Grundsätzlich beinhalten bezogene Vorleistungen in der Regel auch einen Anteil indirekter Personalkosten. Entsprechend müssten auch sie in China preiswerter sein als in Deutschland. Dieser Effekt gilt jedoch nicht immer. Für Grundstoffe beispielsweise stellt sich bei geringen Handelsbarrieren in der Regel ein weltweit einheitlicher Preis ein. Durchschnittspreise für Erdgas und warmgewalzten Rundstahl weisen in China einen ähnlichen Wert auf wie in Deutschland. Innerhalb Chinas gibt es jedoch erhebliche Preisunterschiede, und so kann es sein, dass ein Unternehmen in China fast den doppelten Gaspreis bezahlen muss. Diese Unterschiede liegen in lokalen Transportkosten und Lieferengpässen begründet. Gerade während des Invesititonshypes der letzten Jahre kam es aufgrund des Nachfrageüberhangs nach Grundstoffen, Baustoffen oder Energie zu starken lokalen Preissteigerungen. Der chinesische Stormpreis liegt im Landesschnitt um 23 % niedriger als in Deutschland. Ein Interviewpartner erzählte uns allerdings, dass er dafür auch nur an vier von fünf Wochentagen Strom beziehen kann, und ein anderer Interviewpartner berichtete sogar, dass er in seinem chinesischen Werk einen höheren Strompreis zahle als in Deutschland. Vorleistungen jedoch, die einen hohen Anteil indirekter Personalkosten aufweisen und zudem nur schwer handelbar sind, weisen in China meist einen erheblichen Kostenvorteil auf. Der Bau eines vergleichbaren innerstädtischen Bürogebäudes beispielsweise ist in China um mehr als die Hälfte billiger als in Deutschland.

8)Das Argument geringer Produktivitäten wird vor allem von Volkswirten oft vorgebracht. Im Landesdurchschnitt sind niedrigere Löhne natürlich durch niedrigere Produktivitäten gerechtfertigt. Doch ist die Durchschnittsproduktivität Chinas für deutsche Investoren oft nur wenig relevant, denn Produktivitäten werden im Wesentlichen durch die Prozesse des Unternehmens determiniert. Bei Übernahme chinesischer Anlagen ist vorübergehend natürlich auch deren Produktivität geringer. Doch verlagert ein Unternehmen einen bestehenden Prozess von Deutschland nach China, so weist dieser Prozess potenziell eine ähnliche Produktivität auf wie der in Deutschland. In einem zweiten Schritt kann dieser Prozess sogar noch weiter optimiert werden, indem die Arbeitsintensität zu Lasten der Kapitalintensität erhöht wird, um den Lohnkostenvorteil noch stärker nutzen zu können. Nach dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens sinkt dann zwar die Arbeitsproduktivität, jedoch steigt dadurch zugleich die Gesamtproduktivität des Prozesses. Offensichtlich nutzen deutsche Unternehmen diese Chance auch wirklich, denn das Verhältnis von Mitarbeiterzahl zu Bilanzsumme ist für deutsche Tochtergesellschaften in China 2,5-mal höher als in anderen Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass China erhebliche Lohnkostenvorteile aufweist, die es zu nutzen gilt. Trotz Lohnnebenkosten von bis zu 100 % liegen die Lohnkosten eines chinesischen Industriearbeiters noch um Faktor 15 unter denen eines deutschen. In Küstennähe können diese Kosten jedoch um den Faktor 1,9 steigen, und ausländische Firmen zahlen für qualifizierte Mitarbeiter in der Regel noch einmal den Faktor 1,8. Für Industriearbeiter verbleibt dann immer noch ein Lohnkostenvorteil von Faktor 4,6. Aber für Berufsgruppen wie Ingenieure oder Manager fällt dieser Vorteil noch geringer aus und liegt zum Teil nur noch bei Faktor 2 oder darunter. Daher ist es wichtig, von vornherein alle hier beschriebenen Aspekte in die Planung einzubeziehen. Für arbeitsintensive Tätigkeiten, die keine zu hohe Qualifikation voraussetzen, rechnet sich eine Verlagerung von Wertschöpfung in den meisten Fällen. Aber gerade für Spezialisten bieten andere Länder wie beispielsweise Indien eventuell eine bessere Kostenbasis.

Mehr Informationen zu diesem und anderen Aspekten des Geschäftserfolgs in China finde Sie in dem neuen Management-Ratgeber: China Champions – Wie deutsche Unternehmen den Standort China für Ihre globale Strategie nutzen, erschienen im Gabler-Verlag 2005, ISBN 3-409-14331-9. Dieses Buch beantwortet die beiden kritischen Fragen der richtigen strategischen Ausrichtung des China-Geschäfts sowie der operativen Anpassung eines Geschäftssystems an die Besonderheiten des chinesischen Marktumfeldes und illustriert beide Aspekte mit zahlreichen Unternehmensfallstudien.

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