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Zähne zeigen
Stefan Baron im Sonderheft China 2006 über den neuen Buhmann China
Im Jahr 1793 schickte der englische König George III. Lord Macartney nach Peking, um dort eine ständige Vertretung zu eröffnen und Handelsbeziehungen mit China aufzunehmen. Kaiser Qianlong ließ den Gesandten jedoch abblitzen: „Wir haben“, so beschied er ihn, „nicht das geringste Bedürfnis für die Produkte Ihres Landes.“
So begann der nahezu 200–jährige Niedergang der damals größten Wirtschaftsmacht der Erde, während Europa und Nordamerika durch Industrialisierung und intensiven Austausch miteinander an die Spitze der Weltwirtschaft aufstiegen.
In diesem Jahrhundert kehrt China an die Weltspitze zurück. Schon heute ist es (nach aktuellen Wechselkursen gerechnet) die viertgrößte Volkswirtschaft hinter den USA, Japan und Deutschland, nach Kaufkraft gerechnet sogar schon die Nummer zwei. Die Aussicht, überholt und abgehängt zu werden, verleitet jetzt so manchen westlichen Politiker zu demselben Fehler, den seinerzeit Kaiser Qianlong machte – zu Abschottung und Protektionismus. Damit droht jedoch nicht nur die Globalisierung, größte Quelle des Wohlstands in der Geschichte der Menschheit, zum Versiegen gebracht, sondern auch der eigene Abstieg noch beschleunigt zu werden.
Leider spielt die deutsche Regierung hierbei eine unrühmliche Vorreiterrolle. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht in China offenbar eine Art große DDR und hat für das Land wenig übrig. Und je mehr nicht nur einfache Industriearbeiter, sondern auch Inhaber von Weiße-Kragen-Jobs hierzulande die unangenehmen Seiten der Globalisierung zu spüren bekommen, desto mehr fühlt die CDU-Chefin sich auch aus parteipolitischen Gründen ermuntert, China die Zähne zu zeigen.
Einen traurigen Höhepunkt wird dieses Bestreben auf dem nächsten G8-Gipfel kommendes Jahr in Deutschland erreichen. Als Chefin der gastgebenden Regierung hat Merkel vor allem Themen auf die Tagesordnung des Treffens gesetzt, die direkt auf China zielen: Weltwirtschaftliche Ungleichgewichte (alias: Wechselkursmanipulation und Sozialdumping), Energieversorgung (alias: Chinas Beutezüge in Afrika) und Technologieschutz (alias: Ideenklau).
Die anderen G8-Staaten reiben sich schon die Hände. Sie betrachten Merkels Ehrgeiz, den Aufstieg Chinas zur Weltmacht zu bremsen oder gar zu verhindern, als ein Geschenk des Himmels und hoffen schon auf bessere Geschäfte mit dem fernöstlichen Riesen. Die USA, bisher immer Chinas härtester Kritiker, starteten gerade sogar eine regelrechte Charmeoffensive in Richtung Peking: „Wir wollen, dass Sie Erfolg haben“ erklärte der neue Finanzminister Hank Paulson. Und fügte an die Adresse der Sinophoben im eigenen Land hinzu: „Das größte Risiko für uns ist nicht, dass China die USA überholt, sondern dass es mit den Reformen nicht vorankommt, die nötig sind, um sein Wachstumstempo aufrechtzuerhalten.“
Paulson, langjähriger Chef der Investmentbank Goldman Sachs, weiß, dass der Vorwurf, Chinas Wachstum beruhe auf unfairen Methoden und gehe zulasten des Westens, barer Unsinn ist. Kein anderes Land hat der Weltwirtschaft jemals einen solchen Wachstumsschub verschafft, kein anderes sich ihr so sehr geöffnet. China wächst nicht, weil es manipuliert, sondern weil es so viel arbeitet, spart, investiert und die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung nutzt.
Gerade wir Deutschen sollten das eigentlich am besten wissen. Unser „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte auf genau denselben Ursachen. Statt China bei dem kommenden G8-Gipfel anprangern zu wollen, hätte die deutsche Bundeskanzlerin das Land daher besser einladen sollen, Mitglied in dem erlauchten Kreis zu werden. Zum Wohle der gesamten Welt – und nicht zuletzt zum Wohle Deutschlands.
Quelle: Stefan Baron in Wirtschaftswoche, Sonderheft China 2006
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