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China ist weltweit führender IT-Exporteur
Wolfgang Pomrehn 13.12.2005
Chinas Wirtschaftswachstum, das auch in diesem Jahr wieder nur knapp unter zehn Prozent liegen dürfte, hält die Welt im Atem
Chinas Hunger nach Rohstoffen und Nahrungsmitteln treibt die Erzeugerpreise in ungeahnte Höhen und bedeutet neue Hoffnung für so manches Entwicklungsland. Derweil lässt die Aussicht auf einen Markt mit 1,3-Milliarden Menschen, die in vielleicht zehn Jahren eine Kaufkraft wie heute die Polen haben könnten, zwischen Frankfurt und Seattle manchem Manager die Dollar-Zeichen in den Augen blinken. Könnten in ein paar Jahren schon die chinesischen Konsumenten der chronisch lahmenden Konjunktur des Euro-Raums auf die Sprünge helfen?
Bis 2010 braucht China zum Beispiel 500 Passagierflugzeuge zusätzlich zu den 70 Boing 737 und den 150 Airbus A320 für die kürzlich Verträge unterzeichnet wurden, erklärte Handelsminister Bo Xilai am Montag. Und damit wird noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Aber während Chinas 800 Millionen Dörfler auch in zehn Jahren sicherlich noch in äußerst bescheidenen Verhältnissen leben werden, erwartet Goldman Sachs das China zu diesem Zeitpunkt bereits zum weltgrößten Importeur von Luxuswaren aufgestiegen sein wird.
Nicht nur die schiere Größe, mit der der chinesische Markt schon in wenigen Jahren die Weltwirtschaft maßgeblich beeinflussen wird, ist atemberaubend, sondern auch das Tempo, mit dem China technologisch aufholt. Während sich in Europa und den USA noch die Textilindustrie mit dem Ansturm chinesischer Importe herumschlägt, die das Auslaufen der langjährigen internationalen Quotenregelungen zum 1. Januar mit sich brachte, greifen Chinas Exporteure schon an einer ganz anderen Front an: 2004 hat die Volksrepublik die USA im Export von Informationstechnologie überrundet, berichtet die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Damit hat sich das Land der Mitte erstmalig an die Spitze dieses wichtigen Sektors gearbeitet.
Im vergangenen Jahr verließen Notebooks, PCs, Handys, digitale Kameras und Ähnliches im Wert von 180 Milliarden US-Dollar chinesische Häfen. Die USA brachten es hingegen "nur" auf ein Exportvolumen von 149 Milliarden US-Dollar. Das war zwar auch noch eine Steigerung von 12% gegenüber dem Vorjahr, aber mit chinesischen Wachstumsraten kann niemand mithalten: 2003 wuchsen Chinas IT-Exporte um 55% und 2004 um 46%. In den ersten elf Monaten diesen Jahres nahm der IT-Export um weitere 32,5% auf 194,64 Milliarden US-Dollar zu.
Gleichzeitig importiert die Volksrepublik in erheblichem Umfang elektronische Güter. In den ersten 11 Monaten 2005 zum Beispiel im Wert von 177,05 Milliarden US-Dollar. Bei einem Teil davon handelt es sich um IT-Komponenten. Insbesondere die neuesten Chip-Generationen werden eingeführt, weil die chinesische Industrie technologisch noch nicht zur Weltspitze aufgeschlossen hat. Die Regierung in Beijing ist jedoch fest entschlossen, dieses Manko auszumerzen. Dieser Tage werden die letzten Feinheiten eines langfristigen Innovationsprogramms ausgearbeitet, kündigte kürzlich der stellvertretende Minister für Wissenschaft und Technik, Cheng Jinpei, an. Das Programm, das die Entwicklung der Wissenschaft in den nächsten 15 Jahren bestimmen wird, soll die bestehenden Forschungseinrichtung modernisieren und stärker mit der Wirtschaft verknüpfen.
Auch im nominell sozialistischen China wird die Wissenschaft mehr und mehr an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtet. Gefördert wird diese Entwicklung auch dadurch, dass inzwischen viel internationale Konzerne Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in China aufgebaut haben oder dies für die nähere Zukunft planen. Die Beijinger Regierung fördert diese Ansiedlungen nach Kräften in der Hoffnung eines Spill-over-Effektes. Schon heute haben nicht wenige der Firmengründer ihre Laufbahn in einem der zahllosen Gemeinschaftsunternehmen ausländischer Konzerne begonnen. Ähnliches ist im Bereich der Forschung auch zu erwarten.
Unterdessen ist Chinas Mangel an Fertigungskapazitäten für die modernsten Chips auch mit der Politik Taiwans zu erklären. Die dortigen Hersteller sind zwar ganz scharf darauf, Chip-Fabriken auf dem Festland zu errichten, aber die Regierung in Taipeh fürchtet die zu Enge wirtschaftliche Abhängigkeit vom großen Nachbarn, den Verlust des Know-how-Vorsprungs und damit auch von Arbeitsplätzen im Inland. Daher hat man den taiwanischen Chipherstellern einfach verboten, ihre neueste Produktionstechnik auf das Festland zu exportieren. So gehört denn der Inselstaat, den man in Beijing eher für eine abtrünnige Provinz hält, zu den großen Profiteuren des chinesischen Exportbooms, denn in vielen PCs made in China stecken Chips made in Taiwan. Auch andere Nachbarn wie Südkorea, Malaysia und Japan haben ihre IT-Ausfuhren in die Volksrepublik steigern können, während die EU und die USA Marktanteile einbüßten. Die IT-Branche trägt also das ihre dazu bei, dass Ostasien, das sich am Mittwoch zum ersten gemeinsamen Gipfel trifft, zusammenwächst.
Sollte die dort diskutierte Ostasiatische Gemeinschaft im nächsten Jahrzehnt tatsächlich Gestalt annehmen, wird China mit Sicherheit längst nicht mehr der Sweatshop der Welt sein, den es heute noch darstellt. Die Technologie- und Konzernpolitik der Regierung in Beijing setzt darauf, das Land in den nächsten Jahrzehnten in einen Industriestaat mit Unternehmen zu verwandeln, die zur Weltspitze aufschließen.
Gutes Beispiel ist dafür der PC-Hersteller Lenovo, der im Frühjahr die PC-Sparte von IBM übernommen hat. Damit gehört der chinesische Marktführer nun mit einem Schlag zu den Global Players der Branche. Wie die jüngsten Geschftszahlen zeigen, hat man es innerhalb weniger Monate geschafft, das defizitäre Geschäft, mit dem IBM nicht mehr glücklich wurde, wieder profitabel zu machen. Besonders in den Schwellenländern, den sogenannten "emerging markets" hat man schwarze Zahlen geschrieben, dort, wo auch andere chinesische Konzerne längst mehr als einen Fuß in der Tür haben. Wundert es da noch, dass in 85 Ländern rund 30 Millionen College- und Hochschulstudenten Chinesisch lernen und die Volksrepublik gar nicht so viele Lehrer ausbilden kann, wie angefordert werden?
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